Welcher Chinese ist der “richtige” Chinese?

Authors

Kit Tan

Kit Tan

Talent Manager

Ian Gilchrist

Ian Gilchrist

PureFluent Roving Reporter

Share this

Tweet Share Share

More content

  • Top-Tipps, um bessere maschinelle Übersetzungen zu erreichen

    Read now
  • Top-Tipps: So nutzen Sie Ihr gekürztes Übersetzungsbudget optimal

    Read now
  • Ist mehrsprachiger Video-Content gut für SEO?

    Read now
  • PureFluent introduces the first Translation Subscription Service - WordStore

    Read now
  • Wie kann ich als Kunde die Übersetzungsqualität beurteilen?

    Read now
  • Pentland Brands talk about their drive to provide shoppers with a great experience on Amazon

    Read now
  • Bringen Übersetzungen Vorteile im E-Commerce, auch wenn die Kunden Englisch verstehen?

    Read now
  • Reicht Englisch für meine Kunden aus?

    Read now
  • Untertitel oder Voiceover? Was ist besser für Video-Content?

    Read now
  • Gig-Economy, Scheinselbstständigkeit, digitale Tagelöhner, Clickworker. Inwiefern treffen diese viel diskutierten Schlagwörter auf die Übersetzungsbranche zu?

    Read now

August 19, 2019

In unserem dritten Blog beschäftigen wir uns mit der chinesischen Sprache. Kit Tan, Talent Manager bei PureFluent, geht der Frage nach, welche Variante der chinesischen Sprache für welchen Markt geeignet ist.

Ian: Wenn ich meine Produkte in China verkaufen möchte und bereits eine Ahnung habe, dass es verschiedene Varianten gibt, wie zum Beispiel Traditionelles und Vereinfachtes Chinesisch, wie weiß ich dann, was die beste Wahl für mich ist?

Kit: Dazu muss ich etwas weiter ausholen, den das Thema ist komplexer als man zunächst vielleicht glaubt.

Die logischste Wahl wäre, allgemein gesprochen, Vereinfachtes Chinesisch, die offizielle Landessprache der Volksrepublik China mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern. Aber wenn man etwas genauer hinschaut, kann es sich lohnen, auf mehr als eine Version zu setzen.

Wir reden hier ja nicht nur über chinesische Sprachen an sich, sondern zudem über verschiedene Zeichensätze.

Neben den Hauptsprachen Mandarin und Kantonesisch gibt es noch viele andere Dialekte. Für diesen Blog möchte ich mich aber nur auf die beiden Einflussreichsten konzentrieren. Vereinfachtes Chinesisch ist das Schriftsystem chinesischer Schriftzeichen, das im 20. Jahrhundert nach der Machtübernahme der Kommunisten im Jahr 1947 eingeführt wurde. Hierfür wurde der sehr umfangreiche und detaillierte (traditionelle) Zeichensatz in mehreren Reformen zu einem weniger umfangreichen, einfacheren Zeichensatz geändert. Dadurch sollte die Schriftsprache leichter zu lernen sein und die Alphabetisierungsrate in China deutlich steigen.

Dies ist natürlich ein recht kontroverses und politisches Thema. Sicher ist jedoch, dass es durch die Vereinfachung der Zeichen leichter wurde, Mandarin zu erlernen bzw. seine Schriftform Vereinfachtes Chinesisch, die für Mandarin in den meisten Regionen des chinesischen Festlandes verwendet wird.

Ian: Das gilt also für China, aber was ist mit Taiwan und Hongkong?

Kit: Auch in Taiwan wird vorrangig Mandarin gesprochen, aber mit dem Zeichensatz des Traditionellen Chinesisch geschrieben. In Hongkong sprechen die Menschen hingegen Kantonesisch, schreiben aber ebenfalls mit den Schriftzeichen des Traditionellen Chinesisch. Während wir im Deutschen oder Französischen auf dasselbe Schriftsystem zurückgreifen, kann der Zeichensatz des Traditionellen Chinesisch also sowohl für Kantonesisch als auch für Mandarin verwendet werden.

Traditionelles Chinesisch bietet also ebenfalls ein riesiges Potenzial in Bezug auf die vorhandene Kaufkraft. Man würde sicher nicht auf 80 Millionen potenzielle deutsche Kunden verzichten wollen, warum sollten man also 60 Millionen kantonesische Konsumenten ignorieren.

Der gesamte chinesische Markt besteht also aus Taiwan, Hongkong und der Volksrepublik China (chinesisches Festland). Aber das ist immer noch nicht alles! Denn nicht nur in Hongkong wird Kantonesisch gesprochen, sondern auch von über 60 Millionen Chinesen in der Provinz Guangdong im Süden Chinas sowie in Singapur. Dort wird jedoch nicht mit traditionellen, sondern mit vereinfachten chinesischen Schriftzeichen geschrieben.

Insgesamt erreichen Sie also die meisten Menschen, wenn Sie sich für Vereinfachtes Chinesisch entscheiden: die Volksrepublik China, Singapur und viele ausgewanderte Chinesen in aller Welt. Andererseits sollte die Kaufkraft der Chinesen, die Traditionelles Chinesisch nutzen, auch nicht ignoriert werden. Man würde sicher nicht auf 80 Millionen potenzielle deutsche Kunden verzichten wollen, warum sollte man also 60 Millionen Kantonesen auf dem chinesischen Festland plus viele weitere in Hongkong sowie die vielen chinesischen Auswanderer einfach übergehen. Und obwohl viele Chinesen, die Kantonesisch sprechen, auch Vereinfachtes Chinesisch lesen können, ist es nicht ihre erste Wahl. Ich denke, man kann das am besten kurz in einer Übersicht zusammenfassen:

 Population (m)GDP (US$Bn)GDP (US$) per CapitaLanguageWriting System
Guangdong1121,45913,027CantoneseTraditional Chinese
Hong Kong7.536548,667CantoneseTraditional Chinese
Taiwan23.258925,388MandarinTraditional Chinese
Singapore5.836462,759MandarinSimplified Chinese

Wie man sieht, ist das Thema wirklich komplex und dreht sich im Grunde nicht um die Frage, welche Variante des Chinesischen die richtige ist, sondern vielmehr, in welchen Märkten sich eine Firma positionieren möchte.

Ian: Danke, Kit. Noch etwas anderes zum Schluss. Wie kann man eigentlich chinesische Zeichen mit unseren Buchstaben vergleichen?

Kit: Das ist ein weiteres spannendes Thema, das genug Stoff für jahrelange Studien bieten würde. Ich versuch das mal kurz zusammenzufassen.

Die meisten asiatischen Sprachen benutzen Zeichen statt den uns bekannten Buchstaben. Der Hauptunterschied ist, dass ein Zeichen bereits ein gesamtes Wort ausdrücken kann.

Im klassischen Chinesisch sind die Wörter eher einsilbig, im modernen Chinesisch hingegen meist zweisilbig.

Ian: Gibt es auch Wörter mit mehr als zwei Silben im Chinesischen?

Kit: Die allermeisten sind tatsächlich zweisilbig, wobei jede Silbe durch ein Zeichen ausgedrückt wird. Im Englischen besteht ein Wort vielleicht aus fünf, sechs oder sieben Buchstaben. Die chinesische Übersetzung dafür würde meist durch zwei Schriftzeichen ausgedrückt. Für das Deutsche sieht diese Formel durch die vielen Komposita natürlich noch etwas anders aus, generell wird aber ohnehin meistens aus dem Englischen übersetzt.

Der Ursprung der chinesischen Zeichen geht auf Piktogramme (Bilderschrift) zurück, also ein ähnliches Konzept wie bei den ägyptischen Hieroglyphen bzw. auf Ideogramme, bei denen ganze Wörter oder Begriffe durch ein Zeichen ausgedrückt werden. Die heutigen Zeichen lassen aber nur noch sehr schwer auf ihren Ursprung schließen, wenn überhaupt.

Im Chinesischen werden also keine Buchstaben verwendet, um daraus Wörter zu bilden, sondern Zeichen, die Wörter oder Begriffe ausdrücken.

Die Kosten für eine Übersetzung ergeben sich meist aus der Anzahl an Wörtern im Ausgangstext. Die Anzahl an chinesischen Zeichen ist aber viel geringer als die der Wörter im Deutschen oder Englischen. Wenn wir aus dem Chinesischen übersetzen, müssen wir also eine Art Umrechnungsrate anwenden. Bei der Kombination Chinesisch-Englisch wäre dies 1,6. Ein chinesisches Zeichen entspricht durchschnittlich 1,6 Wörtern im Englischen.

Im deutschsprachigen Raum wird öfter auch nach Anzahl an Zeilen/Zeichen (in diesem Fall Buchstaben) berechnet, dann wird die Rechnung noch etwas komplizierter. Normalerweise wird aber, wie oben bereits erwähnt, aus dem Englischen bzw. ins Englische übersetzt, wenn es um Chinesisch geht. Der Hauptgrund dafür ist, dass es für diese Kombination viel mehr professionelle Übersetzer gibt, speziell, wenn es um bestimmte Fachgebiete geht.

About the authors

Kit Tan Kit Tan

Coming from an engineering and research background, Kit has considerable interest in technology, fully immersing herself in the translation industry during her 3 years as Project Manager. Now focused mainly on Talent, she is keen to work with the team on exciting new challenges.


See all posts by Kit Tan
Ian Gilchrist Ian Gilchrist

Ian has worked in music and home entertainment product development, marketing, and journalism in the U.S., Canada and the UK, where he currently lives, for over 30 years.

In that time he's has aided and abetted an eclectic array of artists including Alison Krauss, Talking Heads, Madeleine Peyroux and Slade, and has worked for a diverse range of labels and companies including Universal Music (Canada), Pioneer LDC (Europe), Milan Records (France), the British Film Institute (BFI), Rounder Records Group (Canada) and BMG (UK). In his guise as a film journalist Ian's interviewed many renowned and influential people, including director John Carpenter (Halloween), actors Jesse Eisenberg (The Social Network) and Tom Hardy (Venom), director Roman Polanski (Chinatown), and many more.


See all posts by Ian Gilchrist

Share this

Tweet Share Share